Der Lessing-Preis für Kritik wird seit dem Jahr 2000 gemeinsam von der Lessing-Akademie Wolfenbüttel und der Braunschweigischen Stiftung verliehen. Mit ihm wird, nach dem Vorbild Lessings, Kritik in einem elementaren, fachübergreifenden, auch gesellschaftlich wirksamen Sinn ausgezeichnet: Kritik als bedeutende, geistig und institutionell unabhängige, risikofreudige Leistung.

Zur Besonderheit des alle zwei Jahre vergebenen Preises zählt, dass der Preisträger einen Förderpreisträger eigener Wahl bestimmt. Dotiert ist der Preis mit insgesamt 20.000 (15.000 + 5.000) Euro.

Die bisherigen Preisträger und Förderpreisträger waren:

Karl Heinz Bohrer / Michael Maar (2000),

Alexander Kluge / St. Peterburger Cello-Duo (2002),

Elfriede Jelinek / Antonio Fian (2004),

Moshe Zimmermann / Sayed Kashua (2006),

Peter Sloterdijk / Dietmar Dath (2008),

Kurt Flasch / Fiorella Retucci (2010),

Claus Peymann / Nele Winkler (2012),

Hans-Ulrich Wehler / Albrecht von Lucke (2014)

Dieter Wieland / Thies Marsen (2016)

Ort der Preisvergabe ist in der Regel die Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel.

 

Pressemitteilung vom 15. Dezember 2017 zur Vergabe des Lessing-Preises für Kritik 2018 an Elizabeth T. Spira

Der Lessing-Preis für Kritik 2018 wird von den Kooperationspartnern Les­sing-Akademie Wolfenbüttel und Die Braunschweigische Stiftung an die österreichische Dokumentarfilmerin Dr. Elizabeth T. Spira vergeben. Den För­derpreis des Lessing-Preises hat die Preisträgerin der Journalistin Stefanie Panzenböck zuerkannt. Die Preisvergabe findet am 13. Mai 2018 um 15 Uhr in der Augusteerhalle der Herzog August Bibliothek Wol­fenbüttel statt.

 

 

Begründung der Jury

 

Begründung der Jury für die Vergabe des Lessing-Preises für Kritik 2018 an Elizabeth T. Spira

 

 

Den Lessing-Preis für Kritik 2018 erhält die in Glasgow geborene österreichische Dokumentarfilmerin und Publizistin Dr. Elizabeth T. Spira. Vor allem die für den Sender ORF produzierten Reportage-Reihen Alltagsgeschichte (1985-2006) sowie Liebesg’schichten und Heiratssachen (seit 1997) haben den Ruf Spiras als »Jahrhundertfigur fürs Fernsehen« auch außerhalb Österreichs begründet.

 

Die Jury zeichnet mit Elizabeth T. Spira die Grande Dame einer schonungslosen österreichischen Selbstbetrachtung in der Tradition von Autoren wie Thomas Bernhard oder Elfriede Jelinek aus. In ihren Gesprächen zeigt sie ein einzigartiges und unerreichtes Talent, Menschen zum Sprechen zu veranlassen und Gegenstände beredt zu machen. In Form einer ethnologisch zu verstehenden ›beobachtenden Teilnahme‹ zeigt sie Personen aus dem ganzen Spektrum der österreichischen Gesellschaft, nicht selten aus sozial einfachsten Verhältnissen, häufig Außenseiterexistenzen. Die Resultate sind so brisant, dass etwa ihre Aufnahmen von Stammtischgesprächen (unter dem Titel Am Stammtisch) mit ihren allgegenwärtigen Rassismen und Antisemitismen erst 28 Jahre nach dem Entstehen, im Jahr 2016, gesendet wurden. Auf der Ausstrahlung der Folge bestehend wurde Spira, selbst Jüdin, kurzzeitig beurlaubt.

 

Die dokumentarische Reihe der »Alltagsgeschichte« setzte Spira mit den nach einem Nestroy-Stück benannten außerordentlich erfolgreichen Liebesg’schichten und Heiratssachen fort. Zu Unrecht sahen sich deren Folgen dem Vorwurf des Voyeurismus ausgesetzt, denn auch die Adaption eines ›Kuppelformats‹ dient der Popularisierung eines nach wie vor ungeheuer kritischen Blicks. Manche Folgen erscheinen als Pandämonium der österreichischen Bevölkerung, wobei das Personal ihrer Filme wie durchleuchtet auf Charaktere, allgemeine Verhaltensweisen, anthropologische Muster erscheint. Elizabeth T. Spiras Blick auf den Menschen beschönigt nichts, er verdeckt keine Schwächen, Wunderlichkeiten, selbst Vulgaritäten. Immer wieder thematisiert sie das den Menschen vorenthaltene Glück, die unerfüllte promesse du bonheur. Dabei führt sie das Personal ihrer Filme nicht vor, gibt es nie der Lächerlichkeit preis.

 

Lessing hatte in der Hamburgischen Dramaturgie die Achse vom Verlachen zum Lachen gewendet, die Komödie sollte den Zuschauer durch Lachen bessern, läutern. Das darin an den Aufklärer erinnernde Werk Elizabeth T. Spiras ist illusionslos, von schneidender Schärfe, ohne didaktischen Schwung. Aber in der Darstellung menschlicher Einsamkeit, seiner Suche nach Glück, Gemeinschaft, Geborgenheit liegt auch ein untilgbares Moment der Utopie.

 

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