Der Lessing-Preis für Kritik wird seit dem Jahr 2000 gemeinsam von der Lessing-Akademie Wolfenbüttel und der Braunschweigischen Stiftung verliehen. Mit ihm wird, nach dem Vorbild Lessings, Kritik in einem elementaren, fachübergreifenden, auch gesellschaftlich wirksamen Sinn ausgezeichnet: Kritik als bedeutende, geistig und institutionell unabhängige, risikofreudige Leistung.

Zur Besonderheit des alle zwei Jahre vergebenen Preises zählt, dass der Preisträger einen Förderpreisträger eigener Wahl bestimmt. Dotiert ist der Preis mit insgesamt 20.000 (15.000 + 5.000) Euro.

Die bisherigen Preisträger und Förderpreisträger waren:

Karl Heinz Bohrer / Michael Maar (2000),

Alexander Kluge / St. Peterburger Cello-Duo (2002),

Elfriede Jelinek / Antonio Fian (2004),

Moshe Zimmermann / Sayed Kashua (2006),

Peter Sloterdijk / Dietmar Dath (2008),

Kurt Flasch / Fiorella Retucci (2010),

Claus Peymann / Nele Winkler (2012),

Hans-Ulrich Wehler / Albrecht von Lucke (2014)

Dieter Wieland / Thies Marsen (2016)

Elizabeth T. Spira / Stefanie Panzenböck (2018)

Ines Geipel / Ekaterina Melnikova, Ekaterina Pavlenko, Margarita Maslyukova (2020)

Ort der Preisvergabe ist in der Regel die Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel.

2020 wird die Preisverleihung zum ersten Mal im Lessingtheater in Wolfenbüttel stattfinden.

Pressemitteilung vom 26. November 2019 zur Vergabe des Lessing-Preises für Kritik 2020 an Ines Geipel

Der Lessing-Preis für Kritik 2020 wird von den Kooperationspartnern Die Braunschweigische Stiftung, Lessing-Akademie Wolfenbüttel und Stadt Wolfenbüttel an die in Berlin lebende Autorin Ines Geipel vergeben. Die Preisvergabe findet am 10. Mai 2020 um 11.30 Uhr im Lessingtheater Wolfenbüttel statt.

 

Begründung der Jury

 

Jury-Begründung zur Vergabe des Lessing-Preises für Kritik 2020 an Ines Geipel

 

Den Lessing-Preis für Kritik 2020 erhält die Schriftstellerin und Publizistin Ines Geipel. Bekannt geworden ist sie als Spitzensportlerin der DDR: zunächst als Staffelweltrekordlerin, später als scharfe Kritikerin jeder Form des Dopings. Als amtierende Weltrekordlerin der 4x100 Meter-Staffel unternahm sie 1984 einen von der Staatssicherheit vereitelten Fluchtversuch. Fortan unterlag sie Zersetzungsmaßnahmen und musste ihre Sportkarriere beenden.

 

Von diesem schmerzhaften Ausgangspunkt eigener Erfahrung sind das Verschweigen und Verdrängen mit ihren psychosozialen Folgen zum zentralen Untersuchungsfeld von Ines Geipel geworden. In ihren Romanen, Essays und literarischen Sachbüchern hat sie es verstanden, die Erfahrungen des Einzelnen immer auch in ihrer politisch-historischen Dimension und als Resonanzraum für die Gegenwart zu erörtern.

 

Als Literaturwissenschaftlerin hat sie sich für die Rehabilitierung von Autorinnen und Autoren in der DDR eingesetzt, die aus politischen Gründen ›unsichtbar‹ gemacht wurden. Diese Arbeit mündete ab 2000 in den Aufbau der „Archivs der unterdrückten Literatur in der DDR“. Die komplexen Zwänge einer Diktatur mit ihren zersetzenden Wirkungen auf den Einzelnen sind Thema ihrer Romane Das Heft (1999), Heimspiel (2005) und Tochter des Diktators (2017). Im Frühjahr 2019 erschien Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass, ein historiographisch und familienbiographisch angelegter Großessay. Ausgangspunkt sind die Verstrickungen der eigenen Familie in die Holocaust-Verwaltung, die SS, die Stasi. Geipel beschreibt eine Geschichte des Mitmachens und Verdrängens, die, weil sie nie zur Sprache kam, auch die Folgegenerationen deformierte. Es sind Schäden, die nach der Implosion der ostdeutschen Diktatur dem Aufbau einer offenen und partizipativen Demokratie entgegenstehen.

 

Die Sprache von Geipels Büchern – eine in kurzen Sätzen gehaltene »brillante Prosa« (Rainer Moritz) – bricht das Schweigen über Erfahrungen, die nie allein den Einzelnen betreffen. Vielmehr rekonstruieren ihre Texte diese Erfahrungen durchweg als gesellschaftliche Psychogramme. Mit der Macht der Ideologie in wörtlicher, schmerzhafter, körperlicher Weise in Berührung gekommen, hat Ines Geipel Worte für den einschlägigen Zusammenhang von Verdrängung und Gewalt gefunden, dem sie mit ganz eigenen Formen der Aufarbeitung begegnet.

 

Ihre Texte, oft konkret von körperlichen Verletzungen ausgehend, verfolgen deren Wirkung auf das Leben des Einzelnen wie der Gemeinschaft. Es sind hochoriginelle, ungewöhnlich mehrdimensionale Anregungen zur Selbstverständigung einer in vielen Fragen gespaltenen Bevölkerung. Sie erhellen deren aktuelle Verunsicherungen und die Unversöhnlichkeit ihrer Auseinandersetzungen bis tief in den Seelenzustand der Gesellschaft hinein. Ines Geipels Werk übt eine im eigentlichen Sinn der Aufklärung nicht rationalistisch verkürzte, am Konzept des ganzen Menschen orientierte Kritik.

 

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